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Old School schlägt Jungspunde

„Seit dem Relegationsspiel gegen 1860 München“ sei es in seinem Lokal nicht mehr so voll gewesen, versichert uns der Wirt des Restaurants mit „deutscher und jugoslawischer Küche“, das fanfreundlich auf dem Weg hoch zum Bieberer Berg, der Spielstätte von Kickers Offenbach, liegt. Dieses Relegationsspiel liegt fast zwanzig Jahre zurück, heute steht die dritte Runde im DFB-Pokal an, der Gegner heißt Borussia Dortmund und steht auf Platz zwei der Bundesliga.
Ausverkauftes Haus und Flutlichtatmosphäre auf dem „Bersch“ in einem der wenigen verbliebenen deutschen Stadien mit alter Stahlrohrtribüne, langer und bewegter Geschichte und einem Standort in der Stadt statt auf der grünen Wiese. Bald wird auch hier neu gebaut, die Stehplätze auf der Gegengerade sollen jedoch erhalten bleiben. Die Fanszene der Kickers weiß, was sie ihrer Tradition schuldig ist: „Old School in der 3. Runde“ lautet das Banner, die Choreo des Drittligisten ist dezent, nix mit Konfetti oder viel Fahnengewedel. „Ultra“ sagt man nicht in Offenbach.

Das Spiel läuft, wie es eben manchmal so geht im Pokal. Die ersatzgeschwächte und von ihrem Torrausch der letzten Wochen ermüdete Dortmunder Mannschaft probiert es mit einer offensiven Aufstellung, als wollten sie die Sache schnell klären. Auf der Haupttribüne wird gemurmelt „Die erste Viertelstunde überstehen, dann sehen wir weiter“. Die individuelle Überlegenheit der Gäste ist deutlich, nützt aber nichts. Nicht nach 45 oder 75 Minuten (wenn die Kickers-Viertelstunde per Glocke eingeläutet wird) und auch nicht nach Verlängerung und 120 Minuten. Der krampfgeplagte Topstürmer der Offenbacher setzt sich mittendrin einfach auf den Rasen, um für eine Spielunterbrechung und damit seine Auswechslung zu sorgen. Er wird auch nicht mehr gebraucht: Im Elfmeterschießen triumphiert der Außenseiter mit seinem warmgeschossenen Torwart Wulnikowski – rot-weiße Ekstase im Stadion, ein bisschen Feuer im Gästeblock und glückliche Offenbacher auf dem Rasen.

Klassischen Old-School-Stil präsentieren die Kickers-Fans auch nach dem Spiel: Wurde vorher noch felsenfest von einer Niederlage mit mindestens drei Toren Unterschied ausgegangen, ist man jetzt ebenso sicher, auf bestem Weg zum DFB-Pokalsieg zu sein. Die Diskussion um mögliche nächste Gegner ist nur noch Formsache: „Bayern München? Nee, zu leicht.“

27.10.2010, Bieberer Berg, DFB-Pokal 3. Runde, Kickers Offenbach – Borussia Dortmund 4:2 nach Elfmeterschießen, Zuschauer: 25.000